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Organisiert ohne Bewilligung

Selbstorganisation von Sans-Papiers in der Schweiz

In verschiedenen Städten der Schweiz haben sich Sans-Papiers zu Kollektiven zusammengeschlossen – teils autonom, teils in Zusammenarbeit mit unterstützenden Organisationen. Am 2. Mai lud die SPAZ Aktivist:innen aus Basel, Bern und Zürich zu einem Podiumsgespräch ein, um mehr über ihre Erfahrungen in der Selbstorganisierung zu erfahren. Ein Veranstaltungsbericht.

Seit vielen Jahren organisieren sich Sans-Papiers in der Schweiz, um gemeinsam gegen genau das anzukämpfen, was sie verbindet: ihren Status als Sans-Papiers. Aus unterschiedlichen Gründen und von unterschiedlichen Orten in die Schweiz migriert, teilen sie hier die oft isolierende Erfahrung, ohne Aufenthaltsbewilligung (über-)leben zu müssen. Im Gespräch mit den Aktivist:innen der Kollektive wurde schnell deutlich, dass prekäre Arbeitsbedingungen, unsichere Wohnverhältnisse und die konstante Angst vor polizeilicher Repression keine isolierten Einzelschicksale sind, sondern systemischer Natur. Und genau gegen dieses System, das Personen ohne Aufenthaltsbewilligungen entrechtet, ausbeutet und vereinzelt, wehren sich die Kollektive.

«Im Kollektiv lernst du die nötigen Überlebensfähigkeiten – und du findest eine Familie, die dich versteht.»

Aktvistin von den Sans-Papiers Kollektiven Basel

An erster Stelle sei Selbstorganisierung ein Modus gegenseitiger Unterstützung – unter anderem für Leute, die neu in der Stadt ankommen. Aber auch für Mitglieder, die lange bleiben, wird das Kollektiv ein wichtiger Anker: «Unsere Arbeitsgruppen sind nicht einfach Arbeitsgruppen, sondern kleine Familien für Leute, die hier sonst alleine sind», meint die Aktivistin vom Berner Sans-Papiers-Kollektiv. «Im Kollektiv lernst du die nötigen Überlebensfähigkeiten und die menschliche Kunst des Lebens – und du findest eine Familie, die dich versteht.»

Nicht nur Gemeinsamkeiten, auch Unterschiede zwischen den Kollektiven wurden während der Veranstaltung sichtbar. So mitunter in den Entstehungsgeschichten: Während es das Colectivo Sin Papeles in Zürich seit 23 Jahren gibt und einige seiner Mitglieder 2005 in die Gründung der SPAZ involviert waren, kam der Impuls, Sans-Papiers-Kollektive in Basel anzustossen, vor acht Jahren aus der Basler Anlaufstelle. Die Motivation war unter anderem, mit den Kollektiven politischen und anwaltschaftlichen Druck aufzubauen: Würde die Sans-Papiers-Anlaufstelle nicht mehr zig Personen einzeln vertreten, sondern auch kollektive Forderungen für zahlreiche Personen zusammen formulieren können, so hoffte man, das Kräfteverhältnis in politischen Verhandlungen verschieben zu können. Heute sind in den Basler Kollektiven über 300 Sans-Papiers organisiert; und zwar in den fünf Sprachgruppen Englisch, Französisch, Spanisch, Brasilianisch und Deutsch.


Von den Sans-Papiers-Kollektiven in Basel, Bern und Zürich kann viel gelernt werden; nicht zuletzt, wie wichtig die emotionale Erfahrung der Selbstorganisierung ist.

Von den Sans-Papiers-Kollektiven in Basel, Bern und Zürich kann viel gelernt werden; wie man sich über Sprachbarrieren, prekäre Lebensrealitäten und lauernde Repression hinweg organisieren kann; wie praktische Solidarität aussieht; und nicht zuletzt, wie wichtig die emotionale Erfahrung der Selbstorganisierung ist. Gegen Ende der Veranstaltung beschrieb die Aktivistin des Basler Kollektivs: «Am Anfang hatte ich Angst, an Sitzungen zu gehen. Ich kannte niemanden, wusste nicht, wem ich vertrauen kann, und hatte viele Fragen. Heute bin ich stolz, das Kollektiv hier zu repräsentieren. Ich bin stolz auf die Erfahrung, eine so starke Struktur mitaufgebaut zu haben – und darauf, heute für neue Mitglieder die Person zu sein, die sie anrufen, wenn sie unsicher sind und Fragen haben.»

Wer die Berner und Basler Sans-Papiers-Kollektive und ihre Arbeit besser kennenlernen will, findet weitere Einblicke in folgenden beiden Büchern:

Sans-Papiers-Kollektive Basel (Hg.): Von der Kraft des Durchhaltens. Sans-Papiers erzählen ihre Wirklichkeit. 2023 erschienen beim Verlag edition 8.

Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers (Hg.): Zwischenräume. Das Sans-Papiers Kollektiv Bern erzählt.
2025 selbstpubliziert und zum Downloaden verfügbar auf